Ich gebe dir die Sonne

ich-gebe-dir-die-sonneRoman von Jandy Nelson

480 Seiten
erschienen
November 2016
Preis: 17,99 €
Verlag: cbt
ISBN: 978-3-570-16459-4

 

Rezension von Olga K

Jude und Noah sind zwei unzentrennliche 13-jährige Geschwister, die eine besondere Art von Verbindung haben; denn sie sind Zwillinge. NoahundJude, wie sie sich selbst immer nennen, tauschen lieber Gedanken aus statt Worte. Wie zwei Tropfen Wasser und jedoch so unterschiedliche Persönlichkeiten: Jude ist sehr extrovertierte und oft ungeduldig; denn sie hat es sehr eilig, erwachsen zu werden. Noah dagegen ist sehr verschlossen und in seiner eigenen Welt – die Malerei – isoliert. Ihm wäre es lieber, wenn er nur durch seine Kunst reden könnte. Deshalb übernimmt Jude das Reden für beide und ist immer da, um ihn zu beschützen. Jude zitiert oft abergläubischen Weisheiten ihrer Oma, Noah dagegen Titel von Porträts, die er häufig nur in seinem Kopf malt.

Einer ihrer Gemeinsamkeiten jedoch ist, dass sie sich beide für Kunst interessieren. Eifersucht herrscht oft zwischen ihnen, denn sie konkurrieren sich nicht nur um einen Platz an der besten Kunst-Highschool des Landes, sondern kämpfen gleichzeitig um die Anerkennung und die Liebe ihrer Mutter, die oft einseitig erscheint. Drei Jahre später ist es alles anders: vom Schicksal getroffen, reden die Zwillinge kaum miteinander, sind wie zwei Fremde, die zufälligerweise unter einem Dach leben. Während Noah einen normalen, aufgeschlossenen pubertierenden Jungen abgibt, der die Kunst für immer aus seinem Leben verbannt hat, hat sich Jude aus heiterem Himmel einen Platz an den Kunst-Highschool ergattert. Von Schulgefühlen geplagt, weil sie diesen Platz ihrem eigenen Bruder weggenommen hat und auf der Suche danach, sich selbst als Künstlerin definieren zu können, begegnet Jude einem geheimnisvollen Bildhauer, der ihr Leben und das ihres eigenen Bruders von Grund auf verändern wird.

Die Geschichte wird in einem abwechselnden Rhythmus von beiden Protagonisten immer weitererzählt: mal befindet sich der Leser in der Vergangenheit und taucht in Noahs Gedankenwelt ein, als die Zwillinge 13-14 Jahre alt waren, mal ist er durch Judes Erzählperspektive wieder in der Gegenwart und in dem Leben der beiden. Anfangs bekommt der Leser das Gefühl, zwei Geschichten gleichzeitig zu lesen; er muss sich in diese Figuren, deren Emotionen und auch in die Ereignisse hineindenken. Dadurch aber, dass die beiden Protagonisten zwei grundverschiedene Persönlichkeiten sind, gestaltet sich das einfach. Der Leser sollte sich daher nicht von dieser besonderen Erzähltechnik einschüchtern lassen, sondern lieber die Explosion der Emotionen genießen und diese auf sich wirken lassen.

Die Sprache dieses Buches ist so bildhaft, so stürmisch, sie ist wie eine Flut, die den Leser unerwartet trifft und ihn überwältigt. Sie ist mit so viel Liebe, schillernden Farben und ausdrucksvollen Metaphern und Symbolen überfüllt, dass jede Seite, jeder Satz, jedes Wort eine Offenbarung ist. Mal mit sehr harten, mal mit unglaublich zarten Bildern-jedoch immer mit einer überaus sensiblen und gefühlvollen Sprache, gelingt es der Autorin tief in die Gefühle und Gedanken ihrer jungen Protagonisten einzutauchen und sie zu erforschen. Beide Figuren leiden innerlich, besonders an sich selbst. Denn sie sind sich selbst der schlimmste Feind und müssen ihr eigene Wahrheit und Lüge mit sich tragen. Kurz bevor sie für immer in den Abgrund stürzen, fügen sich Teile ihres Schicksals wie verlorene Puzzlestücke ineinander, und sie werden gerettet. Und die Narben, die dadurch entstehen, werden für immer ein Beweis bleiben, dass sie über diese Herausforderungen des Lebens hinausgewachsen und sie einen Schritt näher auf ihr neues „Ich“ zugegangen sind.

Auch ich wurde als Leserin von dieser Geschichte getroffen. Und mir ist bewusst, dass diese meine längste und persönlichste Rezension sein wird. Denn das hier ist kein stinknormales 0815-Jugendbuch. Das Buch ist gleichzeitig voller Licht und Dunkelheit und zugegeben, es ist keine einfache Lektüre. Es ist mehr als alles, was ich als Leserin je in einem Jugendbuch gefunden oder erwartet habe. Es ist die Geschichte über die Erforschung der eigenen Sexualität während der Pubertät und die dadurch entstehenden erschütternden Veränderungen, wie sie in einem jungen Menschen innerlich stattfinden. Über Seelenverwandte und über die Liebe und wie sie Herrin unser Herzens wird und uns regiert. Ein stummer, verzweifelter Schrei nach Liebe. Und nach Anerkennung: von dem Freundeskreis, von den Lehrern, von der Gesellschaft, von den eigenen Eltern. Über die Verantwortung jedes einzelnen Menschen, sich seine Lebensleinwand mit seinen eigenen Farben zu malen und über seine Fehler hinauszuwachsen, seinem Schicksal zu entkommen und es neu zu formen. Eine Geschichte über Geheimnisse, die sowohl um die Protagonisten herum als auch in ihrem Innersten wie ein Spinnennetz gewebt sind und ihr Leben auf so unterschiedliche und gleichzeitig so ähnliche Art und Weise zerstören-jedoch nicht unwiderruflich: denn ein wahrer Künstler kann sich immer die Welt aus dem Nichts neu erschaffen. Und die Welt erschafft und formt den Künstler erneut. Eine Geschichte über den Schöpfer, der seine Gabe realisiert und die Entscheidung, die er dann trifft, diese Gabe zu verteidigen oder sie zu zerstören.

Das ist die Leinwand und das sind die Farben, mit denen die Autorin diese Geschichte erzählt. Zweifellos ein Buch für Menschen, die auf der Suche nach ihrer Identität und sich selbst sind. Aber auch für die, die gerne gesellschaftlichen Stereotypen den Rücken zukehren. Eine All-Age-Geschichte, die diese Zuordnung absolut gerecht wird.

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